Marie will alles...
ist die mehrjährige Dokumentation (2008-2022) über das Leben einer junge Frau, die mit Trisomie 21 geboren wurde.
Wegen ihrer Behinderung von der Mutter zur Adoption freigegeben, wird sie vom kinderlosen Ehepaar Martina (Sonder- und Musikpädagogin) und Helmut (Gesamtschullehrer) aufgenommen, zusammen mit der anderthalb Jahre jüngeren Lilly, diegleichfalls mit Trisomie 21 geboren wurde. Die im Rheinland lebenden Eltern hoffen, dass die zwei Mädchen sich gegenseitig stützen und helfen könnten.
Da beide Eltern konsequente Verfechter der Inklusion sind, besuchen die Töchter inklusive Grundschulen und danach inklusiv arbeitende Hauptschulen. Das bedeutet aber auch, dass Mutter Martina und auch Vater Helmut eine exzellente Förderarbeit nach der Schule leisten müssen, weil die Töchter nicht nur einen Sonderschulabschluss, sondern auch den Hauptschulabschluss anstreben, um einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen.
Tatsächlich gelingt beides: Lilly bekommt eine Stelle als Assistentin in einer KiTa, Marie schafft die Ausbildung zur Bildungsfachkraft an der Kölner Technischen Hochschule für Technologie, Arts und Science.
Damit sind die jungen Frauen wirklich gute Beispiele für gelungene Inklusion.
Gern möchte ich noch einige persönliche Anmerkungen machen:
Das Engagement und die Anstrengungen, die die Eltern von Marie und Lilly auf sich genommen haben, ist mehr als bewundernswert. Ihre Hoffnung, dass die beiden "Schwestern" sich liebevoll im Leben beistehen, scheint berechtigt.
Ihre manchmal - die Mädchen fast überfordernde - bedingungslose Erziehung zur Selbständigkeit, trägt Früchte: Beide Frauen finden Arbeit auf dem 1.Arbeitsmarkt. Gerade Marie betont, wie wichtig ihr ein eigenes Leben und die Freiheit, alles allein zu entscheiden, sind. Sicherlich spiegelt sie auch, was man ihr jahrelang vorgelebt und "eingetrichtert" hat: beim Umgang mit Sex, Ordnung und Sauberkeit in der Wohnung, die Bedeutung von gesunder Ernährung und wie wichtig die Fitness für ihren Körper ist.
Ob die schonungslose Offenheit wirklich immer notwendig ist, scheint mir allerdings in der Frage ihrer Adoption zweifelhaft: Die Eltern konfrontieren Marie mit der Tatsache, dass ihre leibliche Mutter Susanne sie wegen des Down Syndroms nicht haben wollte. Das löst bei Marie verständlicherweise heftige Wut und Minderwertigkeitsgefühle aus.
Hier hätte man auch sagen können: Deine leibliche Mutter hat sich ein Kind mit Behinderung nicht zugetraut; sie hoffte, dass du zu einer Mutter kommst, die das auch bewältigen kann. Das haben die Adoptionseltern dann ja auch bewiesen.
Unbegreiflich ist mir auch, dass die Eltern die Suche nach der leiblichen Mutter nicht unterstützt haben, zumal diese wohl noch weitere, gesunde Kinder bekommen hat, Marie also auch leibliche Geschwister hat.
Stattdessen äußert Mutter Martina Angst, dass die leibliche Mutter von Marie "netter sein" könnte als sie selbst.
Sehr geglückt finde ich an der Dokumentation, dass sie kein Thema auslässt, weder Liebe und Sex, noch die Wohnproblematik. Immer wieder wird deutlich, wie mühsam und voller Hindernisse und Vorbehalte der Weg der Inklusion ist. Daher sind solche Lebensbeispiele wichtig als Mutmacher für andere Menschen
mit Behinderungen und deren Erziehungsberechtigte.
Aber die Dokumentation sensibilisiert auch Menschen, die wenig Berührungspunkte mit behinderten Menschen haben: Eigentlich, so stellt es sich jedenfalls für mich dar, ist die gut gemeinte Sonderbehandlung eine grausame Entmündigung der Betroffenen und eine völlig überflüssige Beschneidung der Vielfalt, die wir alle wollen, weil alle davon profitieren.
Unbedingt erwähnen möchte ich noch, dass Marie eine erfolgreiche Instagram Bloggerin ist mit vielen Followern. Hier sucht sie ganz oft Bestätigung für ihr Tun oder Verständnis für ihre Entscheidungen. Entsprechend jugendlich orientiert ist die gesamte Dokumentation, die meist sehr einfühlsam und angemessen von den beiden Autoren Christoph Goldbeck und Ilka aus der Mark in Ton und Bild moderiert wird. Einen großen Anteil dabei hat auch die graphische Bearbeitung von Enrichetta Minuzzi , die mit kleinen Zeichnungen und Herzchen den Film erklärend und zeitgemäß ergänzt.
Fazit: Trotz kleiner Einschränkungen unbedingt sehenswert!
Viola Kleffel

