Brigitte Schumann will mit ihrer Streitschrift darlegen, dass das deutsche Sonderschulwesen aus vordemokratischer Zeit stammt, nämlich von 1898. Zur damaligen Kaiserzeit wurde die Notwendigkeit gesehen „angeboren schwachsinnige Kinder von den gesunden Volksschulkindern zu trennen" (B. Schumann).
Im Nationalsozialismus wurden Kinder mit Lernschwierigkeiten „hilfsschulbedürftig, behindert und gehemmt" genannt. Den Hilfsschulen wurden Selektionsaufgaben übertragen, was bis heute verschwiegen wird.
Nach 1945 bestanden die Hilfsschulen weiter; 1960 formulierte die Kultusministerkonferenz (KMK): „Die Hilfsschule nimmt Kinder mit geistigen und seelischen Schwächen auf, denen die Volksschule nicht gerecht werden kann."
Schon zu Beginn des Sonder-bzw. Hilfsschulwesens stammte der größte Teil der ausgesonderten Schüler und Schülerinnen aus armen, zugewanderten und bildungsfernen Familien. Brigitte Schumann fordert, die Geschichte der Sonderpädagogik und deren Verquickung mit überholten und undemokratischen politischen Systemen aufzuarbeiten. Dadurch könne sich endlich die inklusive Schule frei von Denk- und Einstellungsbarrieren entwickeln.
Die Autorin weist auch auf die Verantwortung hin, die die Bildungspolitiker und Politikerinnen für die Durchsetzung der Behindertenrechtskonvention haben. Sie schreibt dazu: „Es ist Ziel meiner Streitschrift, die Allianz von KMK und Sonderpädagogik mit ihren fatalen Folgen aufzudecken* und zu erklären, damit die Inklusion als das erkennbar wird, was sie als Menschenrechtsmodell ist. Zu den gefährlichen Tendenzen gesellschaftlicher Spaltung, Ausgrenzung und Exklusion ist sie der gesellschaftliche Gegenentwurf. … Schulen müssen Orte werden, wo Inklusion wirklich erfahren und gelebt wird."
*Zum ersten Mal hat ein Schüler einer Sonderschule in Deutschland geklagt und am 17. Juli 2018 vom Kölner Landgericht bestätigt bekommen, dass er zu Unrecht viele Jahre in der Sonderschule verbracht hat. Nachzulesen unter: https://www.mittendrin-köln.de/inklusions-pegel/politik/nordrhein-westfalen/meldung/news/nrw-muss-schadenersatz-an-förderschueler-zahlen/
(Renate Wibrow)

